Gesundheit

Alterskrankheiten werden zum „täglich Brot“ der Kinderärzte: Adipositas bei Jugendlichen

Kind bei der ärztlichen Untersuchung

Weil Fehlernährung und Bewegungsmangel zunehmen, behandeln Kinderärzte immer häufiger Erkrankungen, die früher als typische Alterskrankheiten galten – etwa Typ-2-Diabetes und Fettstoffwechselstörungen. Beim internationalen Symposium „The morbidly obese adolescent: is bariatric surgery the only option?“ in Wien diskutierten 100 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus ganz Europa unter Leitung von Univ.-Prof. Dr. Kurt Widhalm, wie Jugendlichen mit schwerem Übergewicht (morbider Adipositas) wirksam geholfen werden kann.

Warum behandeln Kinderärzte immer öfter „Alterskrankheiten“?

Adipositas hat sich in den vergangenen Jahrzehnten in Europa und weltweit zu einem zentralen Thema der Kinder- und Jugendmedizin entwickelt. Mit dem Lebensstil hat sich auch die Pädiatrie gewandelt: Adipositas, juveniler Typ-2-Diabetes und Fettstoffwechselstörungen rücken in den Fokus. „Alterskrankheiten werden zum täglich Brot der Kinderärzte“, betonte Tagungspräsident Prof. Widhalm. Wie sich Bewegungsmangel schon bei Kindern auswirkt, lesen Sie auch in Macht unsere bewegungsarme Gesellschaft unsere Kinder krank?.

Worum ging es beim Wiener Adipositas-Symposium?

Parallel zum internationalen Anti-Diät-Tag diskutierten die Fachleute am 6. und 7. Mai erstmals in Europa auf wissenschaftlichem Niveau, interdisziplinär und länderübergreifend, ob Magenband und Magenbypass die einzigen Lösungen für Jugendliche mit extremem Übergewicht sind. Veranstalter war die European Association for Research on Obesity in Childhood (EAROC); in 40 Fachbeiträgen wurde das Thema beleuchtet.

Als Ursachen nannten die Experten den modernen, sitzenden Lebensstil, genetische und sozioökonomische Faktoren sowie übermäßiges Essen (Hyperphagie). Erfolgreiche Therapien gibt es bislang kaum, interdisziplinäre Teams mit strukturierten Präventionsprogrammen sind in Europa selten.

Welche Folgen hat starkes Übergewicht bei Jugendlichen?

„Übergewicht ist mehr als ein kosmetisches Problem – es macht krank“, fasste Medizinjournalist Sven-David Müller, M.Sc., zusammen. Immer mehr Heranwachsende erkranken an Typ-2-Diabetes, früher „Altersdiabetes“ genannt. Studien zeigen zudem soziale Folgen: geringere Bildungs- und Berufschancen und Schwierigkeiten bei der Partnersuche. Adipositas begünstigt Depressionen, die wiederum Adipositas begünstigen – ein Teufelskreis, aus dem Betroffene allein kaum herauskommen. Unzureichend erforscht sind nach Ansicht der Experten die Begleiterkrankungen (Kohlenhydratstoffwechselstörungen, Bluthochdruck, Gefäßveränderungen, Gelenkschäden) und vor allem die psychischen Belastungen bis hin zu Isolation und Depression.

Warum reichen die bisherigen Angebote nicht aus?

„Die Präventionslandschaft sieht aus wie die Wüste“, kritisierte Prof. Widhalm, Ernährungsmediziner und Kinderarzt an der Universitätskinderklinik Wien und Präsident des Österreichischen Akademischen Instituts für Ernährungsmedizin. Die Angebote von Krankenkassen und staatlichen Einrichtungen seien europaweit karg, zertifizierte, wissenschaftlich fundierte Programme selten. Zudem würden chirurgische Eingriffe teils durchgeführt, obwohl keine angemessene Nachsorge gesichert sei.

Wann kommt eine Adipositas-Operation in Frage?

Univ.-Doz. Dr. Gerhard Prager, Leiter der Adipositasambulanz der Universitätsklinik für Chirurgie am Wiener AKH, betonte: Adipositaschirurgie ist keine Lifestylemedizin, sondern die letzte Möglichkeit, wenn übliche Therapien nicht wirken. Wer in Frage kommt, lässt sich nur im Einzelfall entscheiden.

  • Magenband: laut Prager nicht ausreichend wirksam, Langzeitdaten fehlen.
  • Magenbypass: deutlich bessere Ergebnisse – im Schnitt rund 70 % Reduktion des Übergewichts bzw. 40 bis 50 Kilogramm.
  • Nachsorge: Eine Operation heilt die Adipositas nicht automatisch; lebenslang ist eine abgestimmte Nährstoffergänzung nötig, um Mangelernährung vorzubeugen.

Beide Verfahren sind keine Lösung für das allgemeine Übergewichtsproblem – der Chirurg steht am Ende der Behandlungskette.

Welche Rolle spielen Familie und Gesellschaft?

„Überfluss macht krank und dick“, sagte Univ.-Prof. Dr. Elisabeth Ardelt-Gattinger, Psychologin der Universität Salzburg. Studien zeigen, dass es „Übergewichtsfamilien“ gibt; hier kann es nötig sein, dass Beraterinnen und Diätologen direkt in der Familie arbeiten. Für Menschen mit Migrationshintergrund braucht es spezifische Angebote. Die Versorgung müsse sowohl an Universitätskliniken als auch wohnortnah stattfinden. Eine verständliche Kennzeichnung energiereicher Lebensmittel wie die Lebensmittelampel scheitere bislang an der Bürokratie.

Was fordern die Experten?

  1. Mehr Forschung zu Prävention, konservativer Therapie und – in Langzeitstudien – zu den chirurgischen Verfahren mit den geringsten Komplikationen.
  2. Interdisziplinäre Zusammenarbeit von Kinderheilkunde, Innerer Medizin, Chirurgie, Ernährungsmedizin, Psychologie, Orthopädie und Sportmedizin.
  3. Zertifizierte Angebote: Prävention und Therapie nur in zertifizierten Einrichtungen, von Kostenträgern nur solche finanzieren.
  4. Dokumentation: Gewicht und Größe bei jeder ärztlichen Untersuchung messen und festhalten.
  5. Mehr Bewegung: eine tägliche Turnstunde in der Schule und mehr Bewegungsangebote.
  6. Früh handeln: In der Therapie darf keine Zeit verloren gehen – oft warten Kinderärzte zu lange.
  7. Langzeitbetreuung: Die Gesundheitspolitik soll Follow-up-Programme und Präventionsmittel sichern.

Häufige Fragen

Warum bekommen schon Kinder Typ-2-Diabetes?

Vor allem wegen Fehlernährung und Bewegungsmangel. Starkes Übergewicht führt dazu, dass früher typische Alterskrankheiten wie Typ-2-Diabetes und Fettstoffwechselstörungen bereits im Kindes- und Jugendalter auftreten.

Wann ist eine Adipositas-Operation bei Jugendlichen sinnvoll?

Nur als letzte Möglichkeit bei krankhaftem Übergewicht, wenn andere Therapien nicht wirken, und nach Einzelfallprüfung. Der Magenbypass zeigt dabei bessere Ergebnisse als das Magenband; eine lebenslange Nachsorge ist nötig.

Was hilft gegen Übergewicht bei Kindern?

Mehr Bewegung – etwa eine tägliche Turnstunde –, ausgewogene Ernährung, die Einbeziehung der Familie sowie zertifizierte, interdisziplinäre Präventions- und Therapieangebote.

Kongressberichterstattung: Dipl.-Päd. Almut Müller und Sven-David Müller, M.Sc., svendavidmueller.de

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Hinweis: Dieser Beitrag dient der Information und ersetzt keine ärztliche oder therapeutische Beratung.

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