Macht unsere bewegungsarme Gesellschaft unsere Kinder krank?
Bewegungsmangel und einseitige Ernährung machen viele Kinder krank: In Deutschland sind rund 15 Prozent der 2- bis 17-Jährigen übergewichtig, etwa 6 Prozent adipös – und laut der KiGGS-Studie des Robert Koch-Instituts bewegen sich nur 15 Prozent der 4- bis 17-Jährigen ausreichend. Die gute Nachricht: Bei Kindern lässt sich gegensteuern, denn sie „wachsen“ bei stabilem Gewicht oft in ein Normalgewicht hinein. Mehr Bewegung verbessert zudem Konzentration und Schulleistungen.
Wie viele Kinder sind übergewichtig?
In Deutschland sind rund 15 Prozent der 2- bis 17-Jährigen übergewichtig, etwa 6 Prozent gelten als adipös. Die Entwicklung ähnelt der bei Erwachsenen, von denen zum Zeitpunkt der Erhebung 67 Prozent der Männer und 53 Prozent der Frauen übergewichtig oder adipös waren. Die Zahl übergewichtiger Kinder stagniert insgesamt auf hohem Niveau – doch Kinder, die bereits zu viel wiegen, nehmen immer weiter zu.
Welche Folgen hat Übergewicht bei Kindern?
- erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Fettstoffwechselstörungen und Bluthochdruck,
- Typ-2-Diabetes – in Deutschland erkranken jährlich etwa 200 Jugendliche neu,
- Hormonstörungen und weitere Erkrankungen, die sonst erst im Alter auftreten,
- Überlastung des Stützapparats: Rund 60 Prozent der übergewichtigen Kinder haben Haltungsschäden mit Folgen wie Rückenschmerzen oder frühem Gelenkverschleiß,
- psychische Belastungen, etwa durch Mobbing und Ausgrenzung in Kita und Schule.
Je früher Übergewicht entsteht, desto schwerer wiegen die Folgen – mehr dazu im Kongressbericht Alterskrankheiten werden zum „täglich Brot“ der Kinderärzte.
Was sind die Ursachen?
Übergewicht hat viele Ursachen. Neben einer Veranlagung haben sich Lebens- und Ernährungsweise in den letzten Jahrzehnten stark verändert:
- Freizeit drinnen statt draußen: Früher spielten die meisten Kinder im Freien, heute verbringen sie ihre Freizeit überwiegend in Innenräumen. Fast jedes zweite Kind unter 13 hatte einen eigenen Fernseher; viele Kinder verbringen mehr Zeit vor Bildschirmen als in der Schule. Laut einer kanadischen Studie wirkt sich bei Kleinkindern jede Stunde vor dem Fernseher langfristig auf Körperumfang und Sportlichkeit aus.
- Viel Sitzen: Schule, Hausaufgaben, Computerspiele – und Wege mit dem Elterntaxi. Fachleute sprechen von einer „Verinselung“ der Kindheit.
- Ernährung im Überfluss: Fast Food, Fertiggerichte, Softdrinks, Süßigkeiten und viele eigens für Kinder entwickelte, zu zuckerreiche Produkte.
- Fehlendes Problembewusstsein: Eine Studie der Universität Leipzig zeigte, dass Eltern übergewichtiger Kinder das Problem oft verharmlosen („Das ist doch nur Babyspeck“) und Präventionsprogramme häufig zu spät annehmen – bei Söhnen noch später als bei Töchtern.
Prof. Dr. med. Gerhard Uhlenbruck wies 2010 zudem darauf hin, dass beim Übergewicht epigenetische Faktoren eine Rolle spielen: Veränderungen können an nachfolgende Generationen weitergegeben werden. Umso wichtiger ist es, dass auch Paare mit Kinderwunsch auf Bewegung und ausgewogene Ernährung achten.
Wie steht es um die Fitness von Kindern?
Die motorische Leistungsfähigkeit sinkt in immer jüngeren Altersgruppen. Im Motorik-Modul der KiGGS-Studie (2003–2006, rund 18.000 Kinder und Jugendliche, Leitung Prof. Dr. Klaus Bös, Universität Karlsruhe) erreichten 43 % bei der Rumpfbeuge nicht das Fußsohlenniveau, und 86 % konnten nicht eine Minute auf einem Bein auf einer T-Schiene balancieren. Ein Vergleich des Zentrums für Gesundheit zeigte, dass Kindergartenkinder 2006 in allen Tests schlechter abschnitten als 1998.
Was können Eltern tun?
- Vorbild sein: Treiben Sie selbst regelmäßig Sport – Kinder machen nach, was sie sehen.
- Gemeinsam aktiv sein: Radfahren, Schwimmen, Wandern oder Klettern in Freizeit und Urlaub – mit Spaß statt Leistungsdruck.
- Bewegungsdrang fördern: Kinder haben einen angeborenen Bewegungsdrang. Lassen Sie sie zu Fuß oder mit dem Rad zu Freunden und Hobbys, statt sie zu fahren.
- Bildschirmzeit begrenzen: Fernsehen hat für kleine Kinder – anders als freies Spiel – keinen Lerneffekt.
- Gesund essen von Anfang an: Legen Sie früh den Grundstein für ausgewogene Ernährung, bevor sich schlechte Gewohnheiten festsetzen.
- Gewicht halten statt Diät: Bei Kindern reicht es meist, das Gewicht stabil zu halten – durch das Wachstum finden sie auf natürliche Weise zum Normalgewicht.
- Krafttraining nutzen: Altersgerechtes Krafttraining unter kompetenter Anleitung hilft schon Kindern bei Gewicht, Haltung und Knochendichte – neuere Studien revidieren die alten Vorbehalte.
Macht Bewegung Kinder schlauer?
Ja. Zahlreiche Studien belegen, dass Bewegung das geistige Potenzial fördert. Sie verbessert die Durchblutung und damit die Sauerstoff- und Nährstoffversorgung des Gehirns, regt die Bildung neuer Nervenzellen und Verknüpfungen an – je komplexer die Bewegung, desto mehr. Konzentration und Lernfähigkeit steigen, neuer Stoff wird schneller verarbeitet. Bewegung baut zudem Stresshormone ab und setzt Glückshormone frei – wichtig nach einem langen Schultag. An „bewegten Schulen“ sind Einstellung zur Schule und Leistungsbereitschaft höher; aktive Kinder sind außerdem selbstbewusster und sozial kompetenter. Mehr dazu: Bewegung steigert die Konzentrations- und Lernfähigkeit.
Fazit
Eltern und Großeltern sollten den Bewegungsdrang kleiner Kinder unterstützen und ältere Kinder motivieren, die Freude an Bewegung wiederzuentdecken. So lassen sich Übergewicht und seine Folgen verhindern, das Immunsystem wird gestärkt, und Glückshormone machen das Leben leichter – das gilt für Erwachsene genauso, wie die Initiative „Exercise is Medicine“ zeigt.
Häufige Fragen
Wie viele Kinder in Deutschland sind übergewichtig?
Rund 15 Prozent der 2- bis 17-Jährigen sind übergewichtig, etwa 6 Prozent adipös.
Wie viel Bewegung brauchen Kinder?
Kinderärzte empfehlen 60 Minuten moderate bis intensive Bewegung pro Tag. Laut KiGGS-Studie erreichen das nur rund 15 Prozent der 4- bis 17-Jährigen.
Müssen übergewichtige Kinder abnehmen?
Meist nicht. Oft reicht es, das Gewicht stabil zu halten – durch das Wachstum finden Kinder dann auf natürliche Weise zu einem normalen Gewicht.
Dürfen Kinder Krafttraining machen?
Ja, wenn es alters- und fachgerecht unter kompetenter Anleitung erfolgt. Es kann bei Gewicht, Haltung und Knochendichte helfen.
Quellen: 1) KiGGS – Kinder- und Jugendgesundheitssurvey des Robert Koch-Instituts; 2) Studie „Mein Kind ist doch nicht dick“, Universitätsklinikum Leipzig/IFB Adipositaserkrankungen/CrescNet; 3) Prof. Dr. Ingo Froböse, Dipl.-Sportwiss. Pascal Wunderlich; 4) Motorik-Modul, Universität Karlsruhe; 5) „Bewegte Schüler – Bewegte Köpfe“, bag-haltungundbewegung.de
Bildnachweis: © panthermedia.net / Petro Feketa
Hinweis: Dieser Beitrag dient der Information und ersetzt keine ärztliche oder therapeutische Beratung.
